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Was sind Lotusfüße?

von Nicole Arnold

In vielen Ländern der Erde wird die anmutige Lotusblume als Pflanze der Schönheit und Reinheit gesehen, in China steht sie für eine harmonische Ehe. In der Yoga-Lehre ist die krautige Wasserpflanze mit ihren ragenden Blüten Symbol der Weisheit und für den Pfad der Erleuchtung. Was durchweg positiv klingt, findet sein Ende im alten chinesischen Brauch der so genannten Lotusfüße, der Mitte des 20. Jahrhunderts endgültig verboten wurde.

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Lotusfüße bezeichnen extrem kurze, kleine und zierliche Damenfüße, die nur durch stetiges Abbinden und Zehenbrechen erreicht werden konnten. Im alten chinesischen Kaiserreich galten Lotusfüße als Statussymbol und erotisches Schönheitsideal, die Frauen für Männer der höheren Schichten besonders attraktiv und begehrenswert machen sollten. Sie standen aber auch für die Häuslichkeit und Abhängigkeit der Frau. Mit solchen Füßen war langes Laufen und Stehen nämlich nicht mehr möglich, so dass die Frauen zwangsläufig an das Haus gebunden waren.

Entstehung der Lotosfüße und Namensherkunft

Das Einbinden der Füße entstand laut den Forschungen des chinesischen Historikers Yu Huai, der im 17. Jahrhundert lebte, wohl im 10. Jahrhundert unter dem Kaiser des Südlichen Tang-Reiches mit Namen Li Houzhu. Dessen Dienerin Yao Niang war nicht nur bildschön, sondern auch eine begnadete Tänzerin. Li Houzhu ließ ihre eine Bühne in Form einer goldenen Lotusblüte bauen, die mit Edelsteinen verziert war und in herrlichen Farben leuchtete. Auf dieser Blüte vollzog sie ihren anmutigen Tanz, in dem sie sich der Bühnenform perfekt anpasste. Ihre Füße umwickelte sie zu diesem Zweck in Form eines Hufes mit weißen Seidenbändern.

Lotusfüße: Füße auf Seerosenblättern

Lotusfüße sollen besonders klein und schlank sein – in Wahrheit sind es schmerzhaft hervorgerufene Fehlbildungen

Als der Brauch eingeführt wurde, erfolgte nur eine leichte Bandage, ähnlich eines Tanzschuhs beim Ballett. Mit dem zunehmenden Einschnitt in die Frauenrechte änderte sich auch die Art des Füßebindens. Die Füße der kleinen Mädchen wurden fortan stramm gebunden und am Wachstum gehindert, um den perfekten „goldenen“ Lotusfuß zu erreichen.

Ausgenommen von der Tortur waren lediglich die armen Bauersfrauen auf dem Land, da diese auf dem Feld helfen mussten und dafür gesunde Füße benötigten. Ein Verbot aus dem Jahre 1911 konnte die Tradition noch nicht vollkommen beenden. Mao Zedong erließ daraufhin im Jahre 1946 ein gesetzliches Verbot, dass der qualvollen Ära endgültig ein Ende setzte.

Im chinesischen Wuzhen findet sich das Museum für die Kultur des Füßebindens in China, in dem über 800 der kostbaren, nahezu Puppenschuh-ähnlichen Schuhe für Lotusfüße ausgestellt sind. Bis Ende des 20. Jahrhunderts gab es eigene Werkstätten zur Herstellung der Schuhe, die dann von den Trägerinnen individuell bestickt werden konnten. Auch das Übersee-Museum in der Hansestadt Bremen zeigt in seiner Sammlung Schuhe für Lotusfüße aus dem fernen China.

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Merkmale der Lotusfüße und die entsprechende Behandlung

Der perfekte Lotusfuß (Goldener Lotus) sollte ca. 10 cm lang sein und von der Form her einem Huf ähneln. Für diesen Fuß wurden eigens Spezialschuhe angefertigt, die vorne sehr spitz zulaufen und nach hinten durch eine Art Keilabsatz höher werden. Diese Schuhe wurden aus teuren, luxuriösen Stoffen gefertigt und aufwendig mit Stickereien und Zierrat geschmückt.

Schmale bemalte Füße als sinnbild für Lotusfüße

Schmale Füße gelten als besonders edel und standen in China für Wohlstand – und sind Ausdruck der Unterdrückung der Frau.

Um solche Lotusfüße zu erhalten, begann man bei Mädchen aus höheren Kreisen ab dem 5. Lebensalter die Füße systemisch und dauerhaft abzubinden, damit das Wachstum gehemmt werden konnte. Zunächst erfolgte ein aufweichendes Bad in Kräutern und Alaun, die Fußnägel wurden sehr kurz geschnitten, um ein Einwachsen zu verhindern. Nach einer Massage wickelten die Mutter, Großmutter oder Amme die Füße der jungen Mädchen mit Stoff-Bandagen extrem eng ein, um den Wachstumsprozess zu stoppen. Um diesen Effekt zu verstärken bzw. überhaupt zu erreichen, mussten den Mädchen alle Zehen bis auf den großen Zeh gebrochen werden. Diese wurden anschließend vor dem Abbinden unter die Fußsohle gebogen. Die Bandagen wurden regelmäßig feucht erneuert, beim Trocknen legten sie sich dann noch enger an. Spitze Schnabelschuhe dienten zum Lauftraining in den Schuhen.

Schon beim Lesen der Prozedur kann sich ein jeder vorstellen, welche Schmerzen die Frauen dauerhaft auszuhalten hatten, abgesehen von Infektionen und fauliger Haut, die die durch parfümierte Bandagen überdeckt wurden. Es entstanden irreparable Fußschäden und Fußverformungen, die sich heute mit einem Klumpfuß vergleichen lassen. Die Frauen konnten ihr Leben lang nicht mehr richtig laufen und lebten mit ihrer Behinderung. Heute gibt es in China noch einige wenige alte Frauen, die lebendes Mahnmal für diese Art der Verstümmelung aus idealistischen Gründen sind.

Was Lotusfüße in der Gesellschaft so bedeutsam machte

Männer, insbesondere solche mit hohem gesellschaftlichem Ansehen, waren von den winzigen Füßen und ihrer unnatürlichen Form sehr angetan. Sie sahen darin auch den Beschützerinstinkt geweckt, denn die Frauen mit den abgebundenen Füßen konnten sich nur behutsam und langsam auf kurzen Strecken alleine bewegen. Der trippelnde Gang würde uns heute an besonders hohe High-Heels erinnern. Der Gang in diesen hohen Schuhen setzt Hüfte, Becken und Po in Szene, was natürlich auch die Erotik bedient.

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Für Frauen mit normal großen Füßen interessierten sich die Männer überhaupt nicht, im Gegenteil, sie wurden sogar geächtet. Auch das Gesicht der Dame spielte keine Rolle, wenn nur die Füße dem Ideal entsprachen. Lotusfüße galten zudem als Wohlstandssymbol. Wohlhabende Frauen mussten nicht arbeiten, demzufolge konnten sie zu Hause bleiben. Diese Symbolik ließ sich sogar noch auf die Spitze treiben, in dem sehr reiche Frauen nur auf einer Sänfte getragen wurden, wenn sie dann doch einmal das Haus verlassen mussten. Für Männer waren die abgebundenen Füße auch eine Bestätigung der Unterwürfigkeit und Abhängigkeit. Die Frau, die durch ihre verkrüppelten Füße kaum noch gehen konnte, war an das Haus gefesselt und hatte dort mithilfe von Dienstpersonal ihre Pflichten zu erfüllen.

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